22 Oktober 2017  

PROJEKT TECHNIKMUSEUM WERNHER VON BRAUN

Unser Förderverein befasst sich mit der Planung für das "Technikmuseum Wernher von Braun". Hauptbestandteile sind die geplante Wiedererrichtung des ehemaligen Raketenprüfstand VII, der Konservierung und Neunutzung des ehemaligen Sauerstoffwerkes und der Rekonstruktion der Testanlage der Fi103 (V1). Dies als ganzheitliches technisches Museum in Ergänzung und nicht in Konkurrenz zu dem bereits existierenden Museum HTM, dem Historisch Technischen Museum, das sich in seinem Schwerpunkt der Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus in der ambivalenten Geschichte Peenemündes widmet.

Dieses Museum soll mit diesen Anlagen entstehen, um diese zu erhalten, zu schützen und es dem Besucher zu ermöglichen an Originalstandorten die technischen Entwicklungen zu begreifen.

Die Funktionen der Anlagen Prüfstand VII, Sauerstoffwerk und Testanlage Fi103 werden vertieft im Bereich "Das Museum" erklärt.

Das Konzept:

    - Ganzheitliche Darstellung der wegweisenden System-Entwicklung in der Raumfahrtgeschichte,
    Aufklärung über den Missbrauch der technischen Errungenschaften.
    - Sachliche Vermittlung geschichtlicher und technisch-wissenschaftlicher Ereignisse für
    alle Generationen und Nationen.
    - Inhaltliche Nähe zum HTM (Historisch-Technischen Museum), Koexistenz beider Museen.
    - Dokumentation der Anlagen von 1945 bis heute nach denkmalpflegerischen Grundsätzen.
    - Errichtung der Anlagen am originalen Standort mit, soweit möglich, authentischem Material
    und rückgeführten Gütern aus den USA und Russland.
    - Planung und Betrieb des Museums so, daß die in Jahrzehnten gewachsenen, natürlichen Strukturen
    in Fauna und Flora erhalten und geschont werden.

Die Grundprinzipien und Motivation


Prinzipien:

Peenemünde gilt weltweit als "Wiege der Raumfahrt", denn von hier aus erreichte zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein Flugkörper die Grenze des Weltraums.

Das Projekt "Technikmuseum - Wernher von Braun" befaßt sich mit dem Sauerstoffwerk, dem Prüfstand VII sowie der Fi-103-Flugkörperschleuder, das heißt mit

    - der Notwendigkeit, in Peenemünde an einem Originalstandort aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs eine Stätte mit Symbolcharakter anzubieten, die ihre einstige Funktion als technisches Museum abbildet. Peenemünde - ein deutsches Erbe und Weltkulturerbe gilt es zu erhalten.
    - der Notwendigkeit, die technologische Kulturleistung, die in Peenemünde auf dem Gebiet der Raketentechnik erbracht wurde, in ihrer Gesamtheit darzustellen, und zwar in konsequenter Ausrichtung auf die beteiligten Disziplinen der Ingenieur- und Naturwissenschaften, aber auch in ihrer Einbindung und Abhängigkeit von zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen des Deutschen Reiches in der Zeit der Diktatur des NS-Regimes.
    - dem Ziel, eine Museumsstätte zu schaffen, die neben technisch fundierter Information in Fragen der Raumfahrt eine Stätte der Begegnung für Anschauung, Ausbildung, Forschung und Lehre darstellt.
    - dem Konzept, dass die Exponate und Bildtafeln schwerpunktartig die deutschen Beiträge, und in ihrer Folge, die internationale Auswirkung und Weiterentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg hervorheben sollen, nüchtern, sachlich, historisch korrekt, mit allem gebotenen Taktgefühl unter Wahrung verfassungskonformer Neutralität gegenüber Politik, Religion, ethnischen Besonderheiten anderer Kulturkreise etc.
    - der Einsicht, daß Deutschland als Industriestaat Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker für seine Fortentwicklung benötigt. Die anschauliche Begegnung mit komplexer und faszinierender Technik, die weltweite Ausstrahlung hatte, soll auch durch ein Museum technischen Nachwuchs gewinnen.

Historischer Hintergrund

Die Geschichte der Flüssigkeits-Großrakete handelt von vorausdenkenden Ingenieuren, Erfindern, Fachexperten, Grundlagenspezialisten und - wegen der außergewöhnlich hohen Entwicklungsmittel - vom Militär. Dieser Zusammenhang gilt weltweit bis in die heutigen Tage, nicht nur für die Raumfahrt.

Vom Versailler Vertrag und seinen Verboten schwerer Rüstungsgüterausgehend, erkannte die Reichswehr der Weimarer Republik die Rakete als neue mögliche Artilleriewaffe und stellte Anfang der 30er Jahre erhebliche Summen langfristig bereit für eine Raketenentwicklung auf Basis flüssiger Treibstoffe. Die staatliche Förderung mündete bald ein in das Entwicklungszentrum in Peenemünde zur Entwicklung einer ballistischen Rakete nach technischer Spezifikation des Heeresamtes.

Während in USA und UdSSR Studien und Experimente einfacher Art ohne Systemanspruch zum Problem des Raketenantriebs liefen, wurde in Deutschland mit der Serienreife des Systems Aggregat-4 (A-4) der höchste technische Stand erreicht und alle prinzipiellen technologischen Probleme gelöst, auch für den späteren Aufbruch in den Weltraum: Antrieb, Steuerung, Verifikation, operationelle Abläufe, Logistik - alles das aber zum Preis der Entwicklung eines Waffensystems und dessen kriegsbedingtem Einsatz.

Im Zentrum steht der Ort Peenemünde mit seiner Heeresversuchsanstalt, einem Testgelände, von dessen Prüfstand Nr.7 im Jahre 1942 zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein experimenteller Flugkörper vom Typ A-4 den Rand des Weltalls in über 80 km Höhe erreicht: Daher die Bezeichnung für den Prüfstand 7 - "Wiege der Raumfahrt".

Es war ein Testflug - vom Prüfstand 7 ist auch im weiteren später nie ein Flugkörper als Waffe gestartet worden, dagegen wurde dort die erste wissenschaftliche Erdbeobachtungsmission, gestützt auf A-4, für Januar 1945 vorbereitet; sie konnte erst später in USA durchgeführt werden.

Diese weltweite Evolution einer Technologie und ihrer Funktionsprinzipien gilt es museal aufzubereiten, indem auch der Weg der deutschen Raketenexperten nach dem 2. Weltkrieg nachgezeichnet und belegt wird, daß nicht nur in den USA und Großbritannien, sondern auch in Frankreich und der UdSSR deutsche Raketenspezialisten maßgeblich an den Erfolgen dieser Länder beteiligt waren.

Mediale Wahrnehmung

Die technisch-kulturelle Erstleistung der Entwicklung einer Transporttechnologie, den Weltraum zu erreichen, hat in der medialen Wahrnehmung den Malus, im Deutschen Reich zu einer Zeit erreicht worden zu sein, als es von der NS-Partei diktatorisch regiert wurde, so dass die erste Anwendung die eines Waffensystems im Kriegseinsatz war.

Das Aggregat-4 wird immer noch, Generationen nach Kriegsende, nach Aufbau der Demokratien in Westeuropa, nach dem Ende des Kalten Krieges von Historikern als sog. "Ursprünglichste Sünde" angeprangert und ihre Konstrukteure, allen voran Wernher von Braun, werden in Deutschland medialer Geringschätzung, wenn nicht Ächtung ausgeliefert. Gleichzeitig wird aber der "Mythos" um die Propaganda-Bezeichnung als "Vergeltungswaffe" wegen medialer Einschaltquoten sehr wohl gepflegt, um seiner kommerziellen Ausbeutung wegen. Dabei stehen regelmäßig die beklagenswerten Arbeitsbedingungen der Massenproduktion im Harz im Fokus, und das Entwicklungswerk in Peenemünde mit seinen technisch-naturwissenschaftlichen Fragestellungen fällt als gänzlich unbedeutend unter den Tisch. Diesem historisch unhaltbaren Bewertungsschema fehlender Differenzierung, bar jeden technischen Verständnisses für Komplexität, will sich das Technikmuseum - Wernher von Braun mit sachgerechter Darstellung entgegenstellen.

Die ethische Dimension

"Die Wissenschaft hat keine moralische Dimension. Sie ist wie ein Messer. Wenn man sie einem Chirurgen und einem Mörder gibt, gebraucht es jeder auf seine Weise." (Wernher von Braun)

Es ist unsinnig, technische Systeme ausschließlich im politischen Koordinatensystem zu bewerten, dies sollte auf politisches Handeln angewendet werden, denn beide, Handeln und das Koordinatensystem, sind zeitlich variabel, können beliebige Werte annehmen und modischen Strömungen unterliegen - es sind also unmögliche Kategorien zur Bewertung technisch-narurwissenschaftlicher Entwicklungsleistungen. Technische Systeme und menschliches Handeln sind unterschiedliche Kategorien und unterschiedlich zu bewerten, auch im historischen Sinn.

Jedes technische Ding kann hilfreich sein oder der Zerstörung dienen. Leonardos Werke können wir nur bewundern, wenn wir gleichzeitig seine Waffenkonstruktionen akzeptieren. Die monströsesten Waffen der Neuzeit sind die Kernwaffen, sie wurden erstmals mit dem Flugzeug zur tödlichen Anwendung gebracht. Verdammen wir deshalb das Flugzeug als technisches Fortbewegungsmittel, oder seine Konstrukteure?

Aus dieser Einschätzung heraus lehnen wir es ab, technisch-naturwissenschaftliche Zusammenhänge einer historischen Kulturleistung politisch zu verwerfen, sondern wollen sie als etwas Eigenständiges bewerten, würdigen und im Rahmen eines Museums aufzeigen.

Wir lehnen es ab, den historischen Technologiestandort Peenemünde nur als Gedenkstätte zu werten ohne eine angemessene Darstellung der technischen Fakten.

Wir lehnen es ab, historische Relikte mit, bis heute, technisch-kultureller Relevanz als Bodendenkmal dem Verfall preiszugeben, sondern befürworten deren Erhaltung und funktionale Restaurierung zu Anschauungszwecken für die Nachwelt.

Es ist legitim für den technisch Interessierten wie für alle Besucher, in diesem einstigen Hochtechnologiezentrum sowohl nach Einzelheiten wie nach dem Gesamtkonzept zu fragen und eine vollständige, sachliche, faire und möglichst funktionsgerechte Gesamtdarstellung in Exponaten und Text-/Bildtafeln zu erwarten. Diesem Anspruch will sich das Technikmuseum - Wernher von Braun verpflichtet fühlen.


Ludwigsburg 04.September 2010