22 Oktober 2017  

Der Überschallwindkanal

Die beiden Überschallkanäle in Peenemünde mit 0.4x0.4m Querschnitt arbeiteten im Überschall bis
max. Mach 4.4 und dienten zur Bestimmung der optimalen äußeren Form des Aggregat-4.
Sie arbeiteten "intermittierend" über eine evakuierte Vakuumkugel.

"Die Entwicklung eines Überschallwindkanals, der der A4-Aufgabe angemessen
war, stellte eine echte Innovation dar, sowohl für den Machzahlbereich bis zur fünffachen
Überschallgeschwindigkeit wie auch für den damals ungewöhnlich großen Querschnitt
der Modellmeßkammer von 40 x 40 cm. Zuvor gabe es nur einen Überschallkanal mit
10 x 10 cm, der - wie der Peenemünder Kanal - von Dr. Hermann (damals an der TH Aachen)
geschaffen worden war."
[Aus Gerhard Reisig, "Raketenforschung in Deutschland",
1997 Lenser Verlag]

Personal bei der Arbeit am Windkanal,
(entnommen aus Peter P.Wegener, "The Peenemünde Wind Tunnels")


Den derzeit besten Einblick in die Geschichte des Windkanals und seines Schicksals in den USA als
Beutegut 1945 bietet ein Fachaufsatz, der im Oktober 2014 in Kochel als öffentlicher Vortrag von
Prof. Dr. Dietrich Eckardt für die DGLR gehalten wurde mit dem Titel "Hyperschall am Herzogstand."

Prof. Eckardt schreibt:
Nach der Bombardierung von Peenemünde im August 1943 wurden die Überschallwindkanäle
nach Oberbayern, Kochel am See verlagert, allerdings entschied man sich für zwei getrennte Standorte,
bezeichnet mit WVA I und WVA II.

Ehemaliger Standort des A4-Windkanals nach der
Verlagerung aus Peenemünde (1943):

Der Hochgeschwindigkeitswindkanal (Mach 4) für die A4-Entwicklung wurde mit dem gesamten
Aerodynamischen Institut unter dem Namen "Wasserversuchsanstalt (WVA)" Ende 1943 von
Peenemünde nach Kochel am See, Ortsteil Herrenkreuth, ausgelagert, dorthin, wo sich
heutzutage das Betriebsgelände der Firma DORST befindet.
Der Windkanal wurde 1945 mit allen Anlagen als Beutegut in die USA verbracht.
[Ref.: Ortschronik Kochel am See, sowie Sebastian Klapdor, "Der Technologietransfer
Deutschland-USA nach dem 2.Weltkrieg am Beispiel der Kochel-Windkanalanlage",
Uni Koblenz 2004 ]

Das Werksgelände der Fa. Dorst in Kochel-Herrenkreuth entspricht WVA I,
und war somit der Standort des einen, in Kochel wieder in Betrieb genommenen Überschall-Windkanals,
der nach Kriegsende zum NOL White Oak Maryland gebracht und dort bis ca. 1990 (s. Klapdor) genutzt wurde.

Der Kochelsee mit der Ortschaft Kochel am See

Zwei Betriebsgebäude des Windkanals aus jener Zeit sind noch erhalten:
Betriebsgebäude der Fa. DORST, 2005

Ref.: Google
Ehemalige Betriebsgebäude des Windkanals des Peenemünder Aerodynamischen
Instituts, heute Betriebsgelände der Firma DORST in Kochel, Herrenkreuth.

Hyperschall

Prof. Eckardt schreibt zum Hyperschall-Windkanal aus Peenemünde:
Von Überschall spricht man im Bereich Mach 1.0 -> ca. 5,0 darüber beginnt der Hyperschallbereich.
Der 1x1m Windkanal für Kochel (später Tullahoma, USA) sollte für Machzahlen von 7 - 10 benutzt werden.
Die geplante Anwendung war die 2stufige "Amerika-Rakete", die beim Wiedereintritt in die Atmosphäre
mehr als doppelt so schnell wie die A-4 fliegen sollte.
Pläne für den Bau des Hyperschallkanals in Oberbayern gab es vermutlich schon ab 1941, konkret für
Kochel ab 1942.
Der Hyperschallkanal mit 1x1m Querschnitt sollte kontinuierlich betrieben werden, dazu brauchte
man ca. 57 MW Antriebsleistung, kriegsbedingt nicht als E-Antrieb, sondern mit Wasser-Turbinenantrieb.
Von dem grossen 1x1m Hyperschall-Kanal selbst scheint in Kochel nach bisherigen Wissensstand nicht viel
gebaut worden zu sein, vermutlich wurden aber Pläne, Maschinen und Mess-Strecken mitgenommen und
beim AEDC Tullahoma TN als "Tunnel A" ca. 1957 in Betrieb genommen, wo der Windkanal noch heute in
Gebrauch ist.